Aus meiner Sicht

 

 

Astrid Gamper hat sich, wie man leicht erkennen kann, ganz dem Akt als Sujet verschrieben. Als gelernte Modedesignerin und Künstlerin gelingt es ihr, dem Akt Zweierlei mitzugeben: Physiognomie und psychische Bekleidung. Mit Physiognomie ist der Körperausdruck gemeint. Körperformationen wie Klumpen, Höhlen, Knochenberge, Gesteishaufen, Animalisches als Ausdruck einer Suche nach unsichtbaren Quellen, Ausdruck der Rückkehr zur „natura morte“. Aus meiner Sicht ist es die Vergänglichkeit, der wir ein Leben opfern.

 

Sehen wir Figuren oder sehen wir ein Liniengewebe? Sehen wir das psychische Kleid, das den Akt umwirkt. Die Haltungen wären für eine Modeschau äußerst ungewöhnlich. Unser Blick fällt auf Verhülltes und Unverhülltes. Wir werden von beiden angezogen. Schlüpfen wir in die Haltung einerseits oder in die Kleidung andererseits, erschließt sich das eigene Befinden.

Auf diesem Weg machen wir eine Erfahrung über das gewöhnliche Sehen hinaus. Aus meiner Sicht können wir so zum Werk vordringen.

 

Trotz der offensichtlichen Bezugnahme auf den Akt tauchen noch andere Fragen auf. Welche Beweggründe gehen dem Schaffensprozess voran? Ist es das Zurückgeworfensein, das den Menschen so isoliert betrachten lässt?
Die Werke hier ließen sich ohne weiteres in einen Kreuzweg verwandeln und würden sich diesen Mauern würdig erweisen.
Ebenso könnte man die Schöpfungsgeschichte als Inbegriff der Kreativität nachvollziehen.
Aus meiner Sicht weitere mögliche Zugänge zum Werk von Astrid Gamper.

 

Regt sich etwas in uns bei derartiger Betrachtung?
Folgen wir vielleicht einem Irrweg? Kann man so über Leben nachdenken?
Die Reglosigkeit der Akte ist die Aufforderung hier und nur hier zu sein.
Wie lebe ich, müssen wir uns fragen, einen Rosenkranz lang vielleicht, auch das würde diesen Mauern entsprechen.
Aus meiner Sicht bleiben noch viele Möglichkeiten offen.

 

Ich bin an einer Denkwegkreuzung angelangt und frage mich, woher Astrid Gamper die Kraft nimmt, die sie antreibt, solche Wesen zu schaffen, die in ihrer Ausweglosigkeit verharren? Führt der Weg an Gott vorbei?
Gestürzten Engeln gleich liegen, sitzen und hängen sie da, wehrlos unseren Blicken ausgeliefert.
Aus meiner Sicht hat Astrid Gamper den schmerzvollen Weg eingeschlagen, um die Schmerzensfrau oder den Schmerzensmann für uns sichtbar zu machen.

 

Die Werke sind wie Leidgenossen und erzählen von den Abgründen ebenso wie von berauschenden Momenten. Dionysisches Verlangen und inbrünstige Hingabe. Jede Figur hat aus der Schicksalsschale getrunken und in die Freiheit geschaut.
Aus meiner Sicht ist auch das ein Teil unserer Wahrnehmung, wozu es viel Mut benötigt.

 

Genau betrachtet fallen mir außerdem die Wesenskerne auf, die sich als selbstständige Gestalten unabhängig machen. Dort ein Affe, hier ein Dämon, dort eine Kopfgeburt, hier eine Hündin.
Es braucht Zeit, um alles auf mich wirken zu lassen, den Affen zu verjagen, den Dämon zu befragen, die Kopfgeburt zurückzudrängen und die Rückenhündin zu rufen, dass sie aufräumt unter der Schädeldecke. Aus meiner Sicht ein gefährlicher Umgang mit Grenzwerten.

 

An dieser Stelle wird der Ruf nach Schutzanzügen berechtigt. Ob Sorgenmantel oder Zwangsjacke, ob Wortfetzen oder Maskerade, sie legen sich an, drauf oder herum.
Wir brauchen sie, um nicht ganz ausgeliefert zu sein.
Wie sieht die eigene Garderobe aus? Kleider machen Leute. Aus meiner Sicht ein überprüfenswerter Standpunkt.

 

Mit solchen Werken, wie sie Astrid Gamper geschaffen hat wird die übliche Klischeevorstellung von Aktkunst zerstört. Sie sorgt eher wie eine Spinne dafür, dass ihr ein Akt ins Netzwerk geht, dem er nicht entrinnen kann.
Eine weitere Zuordnungsstruktur dieser historischen Stätte entsprechend wäre der Totentanz. Was wir darüber denken, kann das Werk erschließen.
Aus meiner Sicht eine Not-wendigkeit um nicht mit leeren Händen dazustehen und die Bilder unserem Gefallen zu überlassen.

 

Prägen wir uns den Auftrag ein, nicht Vorurteile vorauszuschicken, sondern uns anzuschicken, alle möglichen Verbindungen zum Werk herzustellen, unser persönliches Netzwerk zu knüpfen.
Aus meiner Sicht heißt das Konfrontation, um aus der Sprachlosigkeit zu kommen.

 

Endlich bleibt mir eine letzte Assoziation zum Schauplatz: die Engelsburg. Hier liegen, sitzen, stehen und hängen sie, die Engelsgestalten, zum Schutz angetreten, zum Schutz abberufen.
Aus meiner Sicht ein merkwürdiger Gedanke.

 

Rüsten wir uns für die Schattenseiten, für die Überhänge und Alleingänge und nehmen wir die  Kraft aus den Bildern von Astrid Gamper ganz unbescheiden mit für kältere Zeiten.