Haut und Hülle

Unsere Haut empfinden wir in diesen Wintertagen als ebenso notwendige wie fragile Hülle. Sie bietet dem Körper elementaren Kälteschutz, der aber bei tiefen Temperaturen rasch an seine Grenzen stößt. Zumal bei Minusgraden ist die Schutzfunktion der Haut schnell erschöpft, sodass sie den nackten Körper, Organe und Gefäße dem Kälteschock überlassen muss. Und unsere Extremitäten, vorab die Hände, beweisen mit besonderer Evidenz, wie sehr Haut bei Kälte strapaziert wird: Sie werden rot, blau und rissig, von Klüften durchfurcht, falls sie nicht genügend beschirmt werden.

 

Haut/Hülle ist Schutz: Es gibt am Menschen nichts Äußeres, das so notwendig ist wie zugleich auch so verletzbar, nichts Ähnliches, das schützt, aber auch so sehr entblößt wie unsere Haut. Das Ausgesetztsein unserer menschlichen Existenz offenbart das Organ Haut am deutlichsten. Haut und Hülle ist doch weit mehr, sie ist der wichtigste Ausdruck der „res extensa“, wie der französische Philosoph Renè Descartes den Körper bezeichnet hat, als ein Medium der Ausdehnung.

 

Haut/Hülle macht Sinn: Haut ist auch eine Membran der Welterfahrung. Wären wir taub und gehörlos, wären wir zum Überdruss auch noch blind, so erschlösse uns Haut dennoch weiterhin eine Fülle an Sinneserfahrungen: Den stechenden Schmerz beim Anprall auf ein Hindernis, aber auch wohltuende Wärme, das Fächeln eines kühlen Windes, die Zartheit einer liebevollen Berührung, das Abgleiten von Wasser und Regen.

 

Haut/Hülle ist Wandel: Ein Wunder an Schutz und Kommunikation, mehr noch: Sie drückt den Wandel des Lebens am stärksten aus, da sie sich im Laufe unserer Jahre grundlegend erneuert. Und sie altert, die Zeichen unserer wachsenden Jahre sind in sie untrüglich eingeschrieben. Sie äußern sich in Runzeln und Krähenfüßen, aber auch in Lach- und Sorgenfalten um Mund und Augen, jenen Signaturen der Haut, die unseren Charakter nach außen tragen.

 

Astrid Gamper hat die Herausforderung, die im Sujet Haut liegt, wahr und aufgenommen. Die Künstlerin aus Klausen hat nach Jahren intensiver Suche zu einem ästhetischen Thema gefunden, das sie zunächst in noch zaghafter Erkundung gespürt, dann aber mit wachsender Leidenschaft erprobt hat. Ausgehend von ihrem Blick auf Körper, der ein ganz besonderer ist. Astrid Gamper hat Haltung und Gestalt von Körpern aus der Perspektive der Mode kennen gelernt, aus ihrem Beruf als Designerin und Modellmacherin, auf der Basis der grafischen Ausbildung in Freiburg, wie an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim.

 

Sie kennt also Habitus und Haltung von Körpern, zumal von Frauen, aus der Innensicht der Expertin, die weiss, wie man Kleid und Kreationen an diese Körper anpasst. Und wie sich Körper und Haut über die Zeit hinweg verändern, oft unmerklich, dann aber jäh sichtbar.

Astrid Gamper hat ihr zeichnerisches Oeuvre seit gut 10 Jahren in technischer Beherrschung und thematischer Ausweitung immer weiter entfaltet, bis sie ein Thema entdeckt hat, das sie definitiv in ihren Bann gezogen hat - Haut und Hülle. Und sie hat einen Weg formaler Umsetzung gewählt, der Konventionen sprengt und dessen technische Umsetzung sie stark fordert.

 

Die hier, im Ambiente von Tublà da Nives, gezeigten Arbeiten sind in recht kurzer Frist entstanden, im Verlauf des Jahres 2018. Das macht deutlich, mit welcher Intensität das Thema aus der Künstlerin nach außen drängt und welcher Sog der Produktivität bei seiner Umsetzung eingetreten ist. Die groß dimensionierten Kreationen sind zugleich Akte des Mutes und der Metamorphose im wahrsten Sinne, da sich die Künstlerin dabei auch selbst entäußert und das Thema Vulnerabilität ins Zentrum der Darstellung rückt. Ein Thema, schmerzlich und anrührend zugleich, da die Bilder deutlich machen, welche Mühen eine Neuerschaffung nach sich zieht. Das, was Menschen im Laufe eines langen Lebens erfahren, den weitgehenden Austausch ihrer Hülle, erscheint in den Bildern hoch verdichtet.

 

Die Akte auf weißem Papier zeigen Personen, die dem Betrachter nicht zugewandt sind, deren Ausdruck sich nach innen richtet, in horchender Pose, die Gewissheit und Melancholie zugleich ausstrahlt. Die Figuren, meist Frauen, manchmal in Symbiose mit Kindern, spüren in aller Intensität, was sich an ihren Körpern vollzieht. Sie wirken zunächst wie Leidende, die die Veränderung geschehen lassen, aber auch als Herrinnen des Verfahrens, die die an ihnen vollführte Mutation nicht nur erleiden, sondern sie aktiv mit gestalten. Diese Ambivalenz der Haltung ist ebenso anrührend wie überzeugend und bildet doch nur den Rahmen der Erzählung. Denn im narrativen Kern der Bilder stehen jeweilige Häutungen, vermittelt als intensive Metamorphose.

Die Grundlage von aufgeklebtem Papier, oft in sechs, sieben Lagen übereinander, wird unter der Hand der Künstlerin entblättert. Sie formt sie zu Schuppen, die brüchig wirken, sie sind aber auch der Vorschein des Neuen, das aus dem schmerzlichen Wandel hervorgeht.

Übrig bleibt oft nur mehr Hülle, als Relikt des früheren, wie die Korsage am Boden demonstriert, der die Trägerin längst entschlüpft ist, wie ein Schmetterling dem Kokon.

 

„Die Haut ist ein Wunder und erfindet sich und uns neu, schilfert in feinen Hornschüppchen ab, heilt Verletzungen, behält Narben. Ein Kokon, eine Hülle, eine Hülse, ein Kleid. Die Bilder schwingen in dieser Ambivalenz, die das Leben ausmacht. Keine Larmoyanz, keine Euphorie: ‚es ist nicht schwarz sondern grau / nicht weiß sondern schmutziges weiß‘. Es geht dieser Künstlerin nicht um sich selbst, sie spiegelt uns in der Betrachtung auf uns selbst zurück, wo wir bleiben.“ So der eindringliche Kommentar von Karin Dalla Torre im Ausstellungskatalog.

Die Idee von Astrid Gamper, die verschiedenen Papierlagen als Grundlage und Ausgangsstufe einer dritten Dimension zu nutzen, ist ein Herzstück ihres Arbeitens. Denn das spontane und doch sichere Wegreißen der Lagen wirkt zerstörerisch, ist aber die Basis einer gelingenden Umwandlung. Hinzu tritt die Farbgebung, die in schwarzen Tönen, im graublauen und grünlichen Schimmer die Tiefe der Wandlung zusätzlich akzentuiert.

 

So entsteht eine Serie von Hüllen. Ihre Entstehung und der an ihnen sichtbare Wandel berühren nur auf den ersten Blick schmerzlich, sondern sind weit eher tröstlich. Sie machen deutlich, was der Begriff „Disruption“ bedeutet: Geworfensein in Unbekanntes, das uns aber in die Lage setzt, Brüche anzunehmen und zu gestalten. Für die Künstlerin begleitet vom Glück, dass sie einen zunächst eher zufälligen Prozess der Kreation, einen ersten Versuch als grundlegend neue Dimension ihrer künstlerischen Arbeit erfahren hat. Verbunden mit der Möglichkeit, seine Grenzen immer weiter voranzutreiben. Verletzung und Heilung, so vermitteln die Bilder, schließen eng aneinander, bedingen und durchdringen sich, wobei weder die Katastrophe noch guter Ausgang garantiert sind.

Es ist großartig, dass die Arbeiten hier gezeigt werden, im Tublà da Nives, im Herzen Wolkensteins, an einem Ort, der tourístischen Wandel als Prozess der Wertschöpfung und der Zerstörung gleichermaßen sichtbar macht und somit das Thema in anderer Form variiert.

 

Die Arbeiten von Astrid Gamper sind eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Körper, mehr noch - mit einem Menschenbild, das einem einschneidenden Wandel entgegen geht. Ihre Werke belegen die in der Kunst aktuelle Auseinandersetzung mit Körper und Körperlichkeit. Es ist ein empathischer und zugleich distanzierter Blick, den ihre Arbeiten ermöglichen, die den Umgang mit Hüllen nicht als Abstoßung betrachten, sondern als Übergang zu einer anderen Existenzform, in eine neue Freiheit, die nicht einschüchtert und furchtsam macht, sondern ermutigt.

Hans Heiss

Rede zur Ausstellungseröffnung, Tublà da Nives, Wolkenstein/Italien 21.12.2018