Wie die Schichten eines Kokons

 

Maria Gall Prader

 

Vor 150 Jahren brachte der rege Austausch zwischen Genremalern, Schriftstellern und Bildhauern Klausen den Namen „Künstlerstädtchen“ ein. Heute tut sich Klausen nicht leicht, an die Blütezeit der Künstler anzubinden. Doch seit einiger Zeit lässt eine junge einheimische Zeichnerin aufhorchen: Astrid Gamper, von Beruf Modellmacherin und Modedesignerin, die die Kunst der Linie zur Perfektion bringt und sie mit ihrer eigenen Technik der Papierbearbeitung kombiniert.

 

Mit der Darstellung weiblicher Körper, deren Lebensspuren sie in akribischer Kleinarbeit enthüllt, hat Astrid Gamper ein Sujet gefunden, das den Betrachter beim ersten Blick überrascht, beim zweiten verstört und bei näherer Betrachtung berührt. Ihre Arbeiten sind spannungsgeladen, sie ziehen in den Bann, auch weil sie viele Fragen offenlassen. Anlässlich der Ausstellung „Unter die Haut“, die noch bis zum 21. September im Stadtmuseum zugänglich ist, bezieht die Künstlerin Stellung.

 

„Dolomiten“: Frau Gamper, weshalb gestalten Sie ausschließlich weibliche Akte, die von hüllenartigen Papierstücken umgeben sind?

Astrid Gamper: Die Akte drücken weibliche Lebenserfahrungen aus. Lediglich einen Körper zu zeichnen, fände ich schlichtweg zu einfach. Mich faszinieren die Hüllen im Innen und Außen, mit denen sich ein Mensch umgibt. Meine Figuren sind schmucklos, sie haben sich der äußeren Hülle, der Kleidung entledigt. Damit enttarnen sie sich aber und geben ihr Inneres frei.

 

„D“: Es sind aber immer Frauen, die Sie darstellen.

Gamper (lacht): Schauen Sie mich an: Ich BIN eine Frau. Jedes Kunstwerk hat ein Stück weit mit dem Künstler selbst zu tun, gibt einen Teil seines Selbst preis. Aber in die Empfindungen, Verletzlichkeit, Aufnahmebereitschaft und Vergänglichkeit, in das Weiche und Mütterliche einer Frau kann ich mich durch meine eigenen Erfahrungen natürlich besser einfühlen als in einen Mann. Mich faszinieren die Lebensspuren, die sich in die Frauenkörper und -seelen eingegraben haben.

 

„D“: Ist es nicht ein Widerspruch, wenn Sie auf der Suche nach einschneidenden Erfahrungen die gezeichneten Frauenkörper wieder mit Hüllen bekleben?

Gamper: So vielschichtig wie die Hüllen, die meine Frauen umgeben, sind auch die Erlebnisse, die sie geprägt haben und zu dem werden ließen, was sie heute sind. Jeder dargestellte Körper besteht aus fünf oder sechs anderen Zeichnungen, die ich zerreiße, um Teile davon wieder aufzukleben und zu einer einzigen Figur verwachsen zu lassen. Die Risse, Verwischungen, Rillen und Schürfungen haben sich tief in den Körper der Frau eingegraben und zeigen die Verwundungen, die sie im Leben erlitten und die Verwandlungen, die sie durchgemacht hat. Natürlich ist diese Frau anderes als die früheren, so wie auch wir uns durch unsere Erfahrungen verändern.

 

„D“: Bei der Vernissage bezeichnete die Künstlerin Sonya Hofer Ihr Graben und Schürfen als „emotionalen Kraftakt und Tauchgang ins Unterbewusstsein“. Was können Sie dieser Aussage abgewinnen?

Gamper: Natürlich geht mit meiner Arbeit auch die Aufarbeitung von Verletzungen einher, keine Frage. Genauso wie das Wissen um Vergänglichkeit. Um die Vergänglichkeit der Jugend, der Schönheit, des Lebens. Aber letztlich ist es mir wichtig, nach der Quelle der inneren Stärke der Frauen zu suchen. Schauen Sie sich meine Frauen an! Sie wirken verletzlich und oftmals auch zart, aber finden Sie sie hilflos? Leidend? 

 

„D“: Nun, sie halten sich trotz der oft eigenartig wackeligen Position erstaunlich im Gleichgewicht.

Gamper: Genau, sie sind stark. Sie ruhen in sich selbst. Oft mit abgewandtem, versunkenem Blick, aber sie sind Meisterinnen ihres Schicksals. Sie sind an ihm gewachsen und haben Schritt für Schritt eine Verwandlung durchgemacht. Und ja: Lebenseinschnitte sind schmerzlich, aber sie machen uns stark! Meine Frauen sind keine Leidenden. 

 

„D“: Bei der Betrachtung ihrer Körper ist schwer erkennbar, welche Teile die ursprünglichen waren und welche erst im Laufe der Arbeit dazugekommen sind und nun ein Ganzes formen.

Gamper: Veränderungen bringen Entwicklung mit sich. Alle früheren Körper befinden sich nun in dem einen Einzigen. Ein Mensch ist ja nicht nur einer allein, in jedem von uns leben mehrere Ichs. Wie die Schichten eines Kokons legen sich die Lebenshüllen im Laufe unserer Erfahrungen übereinander und formen aufgrund der Verwerfungen und Veränderungen den Menschen, der wir sind. Unter diesem Kokon entfaltet sich aber etwas Wunderbares: unsere Persönlichkeit.

 

„D“: Ihre Werke erwecken den Eindruck, dass Sie sehr akribisch arbeiten.

Gamper: Ich überlege oft stundenlang, wo ich ein bestimmtes Element positioniere und wie dieses Teilchen die Aussage der Figur beeinflusst. Ich komme vom Design, da sind Präzision und Disziplin wichtig. Ich weiß aber nicht, ob man diese Zeit und Kraft, die ich in meine Zeichnungen lege, spürt. Dann wiederum arbeite ich sehr schnell und impulsiv, ich zeichne, reiße, grabe, kratze, verreibe, lasse keinen Fleck auf dem anderen. Es ist ein Rausch, der mich überfällt.

 

„D“: Einer Ihrer letzten Frauen haben Sie Flügel verliehen. Ein Akt mit Flügeln?

Gamper: Eine Veränderte und Sich-immer-noch-Wandelnde! Diese zwei großen Papierelemente habe ich der darunterliegenden Figur abgetrennt. Nun verwachsen sie mit der Darüberliegenden. Dass Sie damit „Flügel“ assoziieren, finde ich schön. Die Figur wurde dreidimensional. Sie hat etwas Haptisches an sich, man bekommt Lust, sie anzugreifen und in ihre Flügel zu blasen, damit sie aufstünde und davonflöge. Sie wirkt trotz Ihrer Erdgebundenheit leicht und zart.

 

„D“: Ihren Figuren scheint beides gemeinsam zu sein: Leichtigkeit und Bodenhaftung. Wie schaffen Sie das?

Gamper: Ich arbeite vorwiegend mit Graphit, außerdem mit ganz wenig Kohle, Kreide und gelegentlich mit Acryl zur Akzentuierung schwarzer Akzente. Mir ist es wichtig, Tiefe in eine Zeichnung zu bringen. Das Spektrum reicht von feinen, zarten Bleistiftstrichen, zerrissenem hauchdünnem Papier bis hin zu dicken Papierüberlagerungen.

 

„D“: Weshalb geben Sie Ihren Bildern keine Titel?

Gamper: Titel geben dem Betrachter eine fixe Idee vor. Ohne Titel lässt er sich wahrscheinlich intensiver auf das Bild ein und vielleicht bewirkt diese Vertiefung etwas in ihm. Mit der Vorgabe eines Titels würde ich die Museumsbesucher lediglich langweilen. Als Ersatz werfe ich Wörter an die Wand, die mir während der Bildgestaltung spontan einfallen. Oft sind es nur Wortfetzen, die aus meinem Innern „steigen“ und den Schöpfungsprozess begleiten. Mir gefällt die Idee, dass die beschriebene Wand nach der Ausstellung wieder übermalt wird. Als Symbol für Veränderung und Vergänglichkeit! 

 

„D“: Wie wichtig finden Sie es, Frauen in der Kunst Raum zu geben?

Gamper: Wenn wir uns die ehemalige Klausner Künstlerrunde ansehen, so scheinen offiziell ganz wenige Künstlerinnen auf, obwohl es davon einige gab. Vor 150 Jahren spielten sie keine herausragende Rolle. Nun werden Kunst, Wissenschaft und Technik immer mehr zum Aktionsfeld der Frau. Im Bereich der Sonderausstellungen von Kunstschaffenden bot das Stadtmuseum Klausen dabei immer schon eine ausgewogene Mischung an.

 

 

 

Astrid Gamper

verheiratet, Mutter zweier Kinder

1971 in Brixen geboren

1977 Umzug nach Freiburg/Deutschland

1990-1993 Studium Grafikdesign in Freiburg

1993-1997 Studium Modedesign in Stuttgart

1997-2001 Designerin und Modellmacherin in München

2001 Umzug nach Klausen

2001-2006 Mitarbeit im väterlichen Betrieb „Gamper Gartenmöbel“

2006 bis 2013 Modellmacherin bei DeCall und Dimitri in Meran

2018 mit Sonya Hofer Ideatorin für das Kunstprojekt ars sacra

Seit 2001 Atelier in Klausen 

Im Vorstand des Bildungsausschusses und Kulturgütervereins Klausen

Ausstellungen in der Franzensfeste, in Luzern und Zürich, Mühlbach, Planegg (Deutschland), Neustift, Wolkenstein, Stadland bei Bremerhaven (Deutschland), Innsbruck, Klausen